Pressestimmen

 

Mitteldeutsche Zeitung vom 31. Mai 2018, Lokalteil Jessen (Link zum Beitrag in der MZ)
Beitrag von Ute Otto

 Artikel aus der MZ

 

Mitteldeutsche Zeitung vom 24. März 2017, Lokalteil Jessen (Link zum Beitrag in der MZ)
Beitrag von Ute Otto


Jessen - Die Töchter von Anja Kunth-Neumann und Simone Hoffmann, Lara-Delia und Eileen, werden langsam flügge. Der Radius, in dem sich die 14-Jährigen allein bewegen, wird immer größer.
So fahren sie auch selbständig nach Wittenberg zum Shoppen oder ins Kino. „Lara hat mir erzählt, dass sie im Zug schon mal blöde angemacht wurden“, berichtet Anja Kunth-Neumann. So richtig wohl sei den Müttern nicht, wenn die Mädchen allein unterwegs sind, vor allem im Dunkeln.

Das hat die Mütter auf die Idee gebracht, beim Jessener Budo- und Selbstverteidigungsverein nach einem speziellen Selbstverteidigungskurs zu fragen. Der Vorstand unter dem Vorsitzenden Sven Thieme hat das gern aufgegriffen. „Wir haben ein Konzept erstellt und uns an der Ju-Jutsu-Akademie in Zeitz schulen lassen“, berichtet Heiko Gleißert, Schatzmeister im Verein.

Im Januar startete dann der erste Kurs mit sechs Frauen und Mädchen, darunter die beiden Mutter-Tochter-Gespanne. Steffen Lehmann ergänzt das Trainertrio. Neben den praktischen Übungen vermittelt er den Teilnehmerinnen auch die Rechtsgrundlagen für Notwehr und Nothilfe.

Zum Beispiel, jemanden abzuwehren, der einem zu nahe kommt. Der erste Schritt ist dabei der Schritt zurück, um die Distanz wiederherzustellen. Zugleich signalisieren die nach vorn gerichtete Handfläche und deutliche Halt- oder Stopp-Rufe, dass ein weiteres Überschreiten der persönlichen Grenze nicht toleriert wird.

„Ich höre nichts! Ihr müsst laut und forsch rufen, auch damit eventuelle Zeugen aufmerksam werden“, fordert Thieme die Frauen auf, auch im Training aus sich herauszugehen. „Was sind Rettungsinseln?“ fragt er weiter. „Geschäfte“, „Gaststätten“, „Bushaltestellen“, kommt es von den Frauen zurück, die zugleich üben, sich durch geschickte Drehungen oder Fingerhebeln aus Umklammerungen zu befreien.

Selbst eine zierliche Person wie Lara kann damit gegen einen stämmigen Mann punkten und unter Ausnutzung des Überraschungseffekts die Flucht versuchen. Notfalls könnte sie mit verschiedenen Schlagtechniken gegen die Vitalpunkte des Gegners diesen zumindest kurzzeitig handlungsunfähig zu machen.

Hauptthema dieser Stunde sind das Befreien aus Würgegriffen sowohl stehend als auch im Liegen bei verschiedenen Positionen des Gegners. „Ihr seid im Vorteil, er hat beide Hände gebunden - ihr habt alles frei“, erklärt Gleißert.

Sei es der Pressluftschlag auf die Ohren oder dem Übergriffigen das Knie in den Schritt zu rammen: „Die Variante mit dem Knie schafft ihr auf jeden Fall“, versichert Gleißert. „Na, was denn?“ ruft Thieme, als die Frauen beim Gedanken an die Schmerzen des Gegners das Gesicht verziehen. „Der will euch nicht zum Eis einladen! - Der will Euch würgen!“

Tatsächlich, erklärt Gleißert, sei die Hemmschwelle bei Frauen, jemandem wehzutun, viel höher als bei Männern. Aber sie müssten noch damit rechnen, dass bei Tätern, die unter Alkohol und Drogen stehen, das Schmerzempfinden herabgesetzt ist. „Es ist kein Schmusekurs“, betont Thieme, „es geht um schnelles, entschlossenes Handeln“.

Abgekämpft sind die Teilnehmerinnen am Ende der vorletzten Stunde nicht mehr. Der Kurs habe ihnen sehr viel gebracht, versichern sie unisono. „Man kommt definitiv aus der Opferrolle raus“, sagt Anja Kuhnt-Neumann, wenngleich sie hoffe, „dass man nicht in eine Situation kommt, wo man es anwenden müsste“. Auf jeden Fall sei sie jetzt beruhigter, wenn Eileen unterwegs ist, sagt Simone Hoffmann.

Auffrischung gewünscht

Sabine Orgis fände es gut, wenn es regelmäßig Auffrischungskurse gäbe, und sei es an einem Samstagnachmittag. „Wenn man das nicht anwendet, vergisst man das doch wieder“, würde das auch Carolin Lehmann begrüßen. Der Vereinsvorstand werde überlegen, ob sich das organisieren lässt, sagt Gleißert.

Schließlich trainieren sie mehrmals wöchentlich noch Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Laut Gleißert wäre eine Vereinsmitgliedschaft kostengünstiger als Einzelstunden. „Für Erwachsene kostet der Monatsbeitrag 12,50 Euro.“ Für den Kurs mit zehn Einheiten werden 95 Euro fällig, das Mutter-Tocher-Paket gibt es für 160 Euro.

Keinesfalls soll es der letzte Kurs für Frauen-Selbstverteidigung gewesen sein. „Bei ausreichend Nachfrage legen wir gern wieder los“, so Gleißert. (mz)

Notwehr und Nothilfe

Notwehr ist die erforderliche Verteidigung gegen einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff auf Leben, körperliche Unversehrtheit, sexuelle Selbstbestimmung, Eigentum, Ehre. Der Angriff muss unmittelbar stattfinden - nachträglich gilt die Verteidigung nicht mehr als Notwehr. Nothilfe ist die Verteidigung gegen rechtswidrige Angriffe auf einen Anderen. Am Beginn jedes Selbstverteidigungskurses wird neben der Erläuterung rechtlicher Grundlagen das Einschätzen bestimmter Situationen trainiert und Wissen über Möglichkeiten der Deeskalation vermittelt.

Weitere Informationen zum Kurs finden Interessierte unter www. bsv-jessen.de/index.php/frauen-sv.